Proteste in Frankreich: Augenzeugin erlebt Chaos hautnah in Paris
Frankreichs Proteste eskalierten am Wochenende zu schweren Straßenschlachten. Eine Augenzeugin aus Paris berichtet von Chaos, Zerstörung und Angst. Die Proteste in Frankreich am Wochenende wurden von schweren Ausschreitungen überschattet. In mehreren Großstädten lieferten sich Demonstrierende Straßenschlachten mit der Polizei, Barrikaden wurden errichtet und angezündet. Nach Angaben des Innenministeriums wurden mehr als 2.400 Personen festgenommen und fast 1.000 Beamte verletzt. Die selbstständige Kommunikationsberaterin Carola Antelme lebt seit rund zehn Jahren in Frankreich. Die Krawalle am Wochenende hat sie in der Hauptstadt Paris teils hautnah miterlebt. Was sie dabei beobachtete, berichtet Antelme im Interview. Frankreich in Aufruhr: Auch Le Pen brennt ein Freudenfeuer ab "Kontrollverlust": Regierung kündigt Ausgangssperren an t-online: Frau Antelme, wie haben Sie die Proteste in Frankreich zuletzt erlebt? Carola Antelme: Alles begann mit Schülerprotesten, die im September starteten. Die Schülerinnen und Schüler blockierten ihre Schulen, weil die Bedingungen dort so schlecht sind. Am Samstag vermischte sich das mit einer Demonstration von Menschen, die grundsätzlich gegen die steigenden Lebenshaltungskosten in Frankreich protestierten. Und dann eskalierte es. Genau. Aus den ursprünglichen Protesten wurde plötzlich etwas völlig anderes, das mit diesen Anliegen nichts mehr zu tun hatte. Die früheren Demonstrierenden wurden kaum noch wahrgenommen. Stattdessen gab es eine kriminelle, gewalttätige Zerstörungswut. Wer war daran beteiligt? Dabei kann ich mich nur auf offizielle Angaben beziehen. Laut Innenministerium und Polizei, die die Ereignisse inzwischen analysiert haben, sollen daran der sogenannte Schwarze Block – also die extrem linke Szene – und Jugendliche aus Problemvierteln beteiligt gewesen sein. Wie verlief dann der Samstag in Paris? Bereits relativ früh zeichnete sich ab, dass etwas passieren könnte. U-Bahnen fuhren teils den großen Bahnhof Saint-Lazare nicht an, weil laut den Fahrern bereits überall Tränengas war. Abends warnten Freunde meinen Mann und mich, mit dem Auto unterwegs zu sein, weil die Polizei alles abgesperrt hatte. Von den Ausschreitungen am Samstagabend haben wir dann aber auch nur aus Fernsehberichten erfahren. Die massiven Zerstörungen haben wir jedoch eindrücklich am Sonntag gesehen. Was fanden Sie in der Hauptstadt vor? Wir fuhren in die Nähe der Place de la République – und ich war wirklich erschüttert. Es ist etwas anderes, die Schäden in den sozialen Medien zu sehen als in der Realität: Alle paar Meter stand ein ausgebranntes Auto, überall lagen verbrannte Leihfahrräder, teilweise samt Batterien. Die brennenden Batterien hatten so starke Herde verursacht, dass sich die Hitze in den Asphalt gefressen hatte. Der Asphalt war außen herum weggeschmolzen, sodass richtige Löcher entstanden waren. Es roch noch immer nach Feuer. Überall lagen zerstörte Fensterläden oder heruntergerissene Jalousien. Auf den Gehwegen türmten sich Glasscherben. Wie verhielten sich die Menschen, die dort leben und arbeiten? Dort wurde bereits aufgeräumt. Wir dachten deshalb, dass es nach dem Samstag wieder ruhiger wird. Restaurantbesitzer erzählten uns, es sei heftig gewesen. Sie müssten ihr Geschäft jedoch offen halten – auch, weil sie auf die Einnahmen angewiesen seien. Niemand hatte damit gerechnet, dass es am Sonntag wieder eskalieren würde. Das haben wir dann auch hautnah erlebt. Was ist passiert? Wir saßen gerade in einem Café, als das Personal plötzlich hektisch alle Tische und Bänke wegräumte. Die Gäste wurden im Café eingeschlossen und die Jalousien heruntergelassen. Wir flüchteten in das Theater gegenüber. Davor gab es große Gitter, die schnell heruntergelassen wurden. Von oben konnten wir auf die Straße blicken. Die Straße brannte wieder. Überall rannten Vermummte herum, es roch nach Rauch, und die Polizei jagte flüchtende Menschen. Was haben Sie dann gemacht? Wir blieben noch einen Moment, bis sich die Situation rund um das Theater etwas beruhigte. Dann gingen wir zu einer weiter entfernten Metrostation, weil viele Stationen blockiert waren. Auf der Straße rannten plötzlich 60 oder 70 Vermummte an uns vorbei. Sie wirkten auf mich jung; ihr Alter konnte ich wegen der Vermummung aber nicht sicher einschätzen. Die Polizei folgte ihnen mit mehreren Autos und Transportern. Ich hörte einige von ihnen beim Rennen lachen. Frankreich ist für seine teils heftige Protestkultur bekannt. Warum waren diese Proteste dennoch etwas Besonderes? Die Gewalt war besonders beängstigend. Wir haben Freunde mit Kindern, die dort wohnen. Einige konnten nicht nach Hause gehen, weil alles abgesperrt war. Besitzer von Geschäften standen weinend vor den Trümmern ihrer Existenz. Die Situation war bedrohlich: die vielen Polizisten und die große Zahl an jungen Menschen, viele waren schwarz gekleidet, vermummt und trugen Skibrillen, damit das Tränengas sie nicht erreicht. Dazu der Lärm von eingeschlagenen Scheiben und Explosionen – sie warfen auch Feuerwerkskörper in die Geschäfte. Das war keine gewöhnliche Demonstration. Sondern? Das war keine Demonstration mehr, sondern Gewalt und Zerstörung, die Menschen gefährdet und vielen ihre Existenz geraubt hat. All dies hat mit den ursprünglichen Anliegen der Schülerinnen und Schüler absolut nichts zu tun. Darüber spricht jetzt aber niemand mehr; das ist völlig in den Hintergrund gerückt. Wie konnte es derart eskalieren? Im Frühjahr 2027 steht die Präsidentschaftswahl an. Die politische Stimmung erlebe ich schon jetzt als angespannt. Ob und in welchem Umfang das bei diesen Ausschreitungen eine Rolle gespielt hat, kann ich allerdings nicht beurteilen. Es sollen auch einige Menschen aus Brennpunktvierteln mitgemacht haben. Und für den kommenden Samstag sind bereits neue Proteste angekündigt. Davor habe ich großen Respekt. Heute bin ich an den Kaufhäusern Galeries Lafayette und am Printemps vorbeigelaufen. Dort wurden die Glasscheiben ausgetauscht. In dem Moment dachte ich: "Aber am Samstag geht es doch schon wieder weiter." Das hat mich überrascht. Ich hätte erwartet, dass Geschäfte nun mit Holz verbarrikadiert werden. So lief es zumindest 2018 und 2019 oft während der Gelbwesten-Proteste. Auch sie haben ihre Teilnahme an den Protesten für Samstag bereits angekündigt. Frau Antelme, vielen Dank für dieses Gespräch.
