Ukraine-Krieg: Deutscher Sanitäter zeigt den Frontalltag im Donbass
Alexander Gertz dient seit 2023 als Sanitäter in der ukrainischen Armee. Sein Fronttagebuch zeigt den Kriegsalltag im Donbass. Ein Gespräch über das Vergessen, die Angst zu sterben und skurrile Szenen zwischen Ukrainern und Russen. Kommt Alexander Gertz einmal ins Reden, sprudelt es förmlich aus ihm hinaus. Und der 31-Jährige hat viel zu berichten. Denn seit 2023 ist Gertz Teil der ukrainischen Streitkräfte. Als Sanitäter hat er den brutalen Krieg im Donbass hautnah miterlebt, verlor Kameraden, verbrachte unzählige Stunden in Frontstellungen in modrigen Kellern und wurde selbst mehrfach zum Ziel russischer Angriffe. Seine Erlebnisse an der Front protokollierte Gertz in seinem Tagebuch. Daraus entstand das kürzlich erschienene Buch "Im Schatten der Drohnen". Zum Interview erscheint Gertz in taktischem Fleece-Oberteil und mit schwerem Gepäck, dessen Gewicht ihm augenscheinlich nichts ausmacht. Er ist auf dem Sprung, denn am Abend steht die Buchvorstellung im Deutschen Theater in Berlin an. Und kurz darauf soll es für den jungen Mann wieder zurück in die Ukraine gehen. Nur gut zwei Wochen Urlaub hat er von seiner Einheit bekommen, um für die Veröffentlichung seines Buchs und Termine nach Deutschland zu reisen. In der Ukraine, wo er im Militär unter seinem Rufzeichen "Husky" bekannt ist, wartet auf Gertz wieder der Kriegsalltag, über den er im Gespräch mit t-online ausführlich berichtet. Trump erpresst Kiew : Der Druck steigt Einfluss des Kreml: "Russland verheimlicht seine Absichten nicht einmal" t-online: Herr Gertz, Sie waren zunächst humanitärer Helfer in der Ukraine. Wie sind Sie zu dem Entschluss gekommen, sich den Streitkräften anzuschließen? Alexander Gertz: Ursprünglich hätte ich nie gedacht, dass ich jemals in einer Armee dienen würde. Hätte man mir das 2022 gesagt, hätte ich es nicht geglaubt. Ursprünglich wollte ich Diplomat werden, habe in internationalen Organisationen und Thinktanks gearbeitet, in denen ich die Karriereleiter hochklettern wollte. Ich wollte dazu beizutragen, dass Frieden herrscht oder kein Krieg ausbricht. Aber 2022 habe ich gemerkt: Ich bin gar nicht in der Position, so etwas zu bewirken. Und dann waren die Streitkräfte der einzige Weg für Sie? Ich hatte das Gefühl, dass ich praktisch tätig werden musste. Für mich bedeutete das zunächst humanitäre Hilfe zu leisten: dort zu helfen, wo die Not am höchsten ist. Das ist an der Front. Das habe ich ehrenamtlich gemacht, aber ich merkte, dass ich mich dabei zerreiße – einerseits war ich ehrenamtlich tätig, andererseits in Deutschland, um Geld zu verdienen und das Studium abzuschließen. Diese Gratwanderung konnte ich nicht lange durchhalten, weil ich ausgebrannt war. Dann dachte ich: Ich muss mich entscheiden. Sie sind dann ohne medizinisches Vorwissen Sanitäter geworden. Wie funktionierte das? Das ging relativ schnell, Learning by Doing. Sobald du weißt, dass Leben und Tod davon abhängen, ob du es hinbekommst, ist der Kopf sehr offen für Wissen – das saugt man förmlich auf. Der Lehrgang war "praktischer Natur", also direkt im Einsatz. 2023 war vieles noch nicht strukturiert, da war keine Zeit für richtige Lehrgänge. Crashkurse habe ich später gemacht – wirklich kurz, etwa zehn Tage, um Leute zu Kampfmedizinern auszubilden. Heute ist das anders: Es wird viel mehr Wert auf die Sanitätsausbildung gelegt und auf den Schutz des Sanitäters. Was macht einen Sanitäter im Kriegseinsatz aus? Ein Sanitäter muss in der Hierarchie einer Einheit sehr weit oben stehen, körperlich der Fitteste sein, besser rennen können und kräftiger sein als alle anderen – und natürlich auch kampftechnisch taugen. Das war mir vorher nicht klar. Nicht alle Sanitäter in der Ukraine sind Spitzensoldaten, aber die besten müssen es sein – wie willst du sonst jemanden ziehen, der 80 Kilogramm wiegt, plus Ausrüstung, also deutlich mehr als 100 Kilogramm? Sie schreiben, dass Sie gegen das Verschwimmen von Tagen, Orten und Erinnerungen das Buch verfasst haben. Welche Erinnerungen sollten auf gar keinen Fall verloren gehen? Besonders die Taten meiner Kameraden – vor allem jener, die mittlerweile nicht mehr am Leben sind. Situationen, die wir nur zu zweit durchlebt haben. Wenn ich eine solche Situation mit einem Kameraden durchstanden habe und er später starb, dann gibt es niemand sonst mehr, der davon erzählen kann – dann löst sich das in Luft auf, als wäre das nie passiert. Es geht vor allem gegen das Vergessen der Stimmen, die sich nicht mehr zu Wort melden können. Wie protokollieren Sie das im Alltag an der Front? Ich habe Tagebuch geschrieben. Anfangs saß ich in der Stellung und hatte sehr viel Zeit. Man wartet viel an der Front, es gibt keinen Strom, kein Wasser, nichts. Man sitzt in diesem feuchten Keller und denkt viel nach. Irgendwann kam der Gedanke: Ich muss mir das Erlebte von der Seele schreiben. Ich habe mich dann auch sensibilisiert, die Augen für bestimmte Situationen offenzuhalten. Zum Beispiel? Wir haben einem Kameraden mal einen Geburtstagskuchen mit 23 Patronen statt Kerzen geschenkt. Das nehmen wir einfach als gegeben hin, das ist für uns nichts Besonderes – außer man hat das Gefühl: Das will ich nicht verloren gehen lassen. Sonst wären das einfach 20 Minuten eines x-beliebigen Tages gewesen, seines Geburtstags, an die sich später niemand mehr erinnert. Warum haben Sie sich entschieden, im Buch nicht ausschließlich über den Krieg zu schreiben, sondern auch sich selbst als Menschen an der Front mit eigenen Problemen sichtbar zu machen? Wer Tagebuch führt, schreibt automatisch viel über sich selbst. Ich dachte zunächst, ich würde aus dem Tagebuch nur die äußeren Situationen übernehmen, in denen ich oder meine Kameraden waren. Aber irgendwann merkte ich: Wenn ich meine eigene Reflexion weglasse, liest sich das sehr schnell protokollarisch und ich rücke mich selbst in eine Beobachterrolle, die ich gar nicht immer eingenommen hatte. Ich war mittendrin im Geschehen. Gleichzeitig thematisieren Sie offen Ihre mentale Gesundheit. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Man kann so etwas nicht ohne Selbstoffenbarung schreiben. Bei mir wurden eine manische Depression und das Borderline-Syndrom diagnostiziert. Ich kann nicht beschreiben, was ich im Krieg erlebt habe, ohne über meine Gefühlswelt zu schreiben – das wird automatisch intim, ob ich will oder nicht. Wie sehr sind Ihre Depressionen ein Thema für Sie im Alltag an der Front? An der Front habe ich das gar nicht gemerkt, da war es nicht existent. Dort war ich stets im Überlebensmodus. Da bleibt keine Zeit zu denken, das Leben sei schlecht – dafür ist einfach kein Platz. Da ist jemand, der versucht, mich umzubringen: Ich kann mir dann nicht erlauben zu denken, das Leben sei doof – denn warum versuche ich dann überhaupt zu überleben? Und wenn Sie nach Deutschland zurückkehren? Je weiter ich mich von der Front entferne, desto mehr kommen diese Gedanken zurück, vor allem in Deutschland. Unser Gehirn passt sich leicht an völlig unterschiedliche Lebensrealitäten an. Aber das lässt sich nicht per Knopfdruck umschalten. In Deutschland merke ich, dass ich nach Regeln einer anderen Welt, also der Kriegssituation in der Ukraine, zu agieren versuche. Das macht noch depressiver. Je näher ich der Front komme, desto weniger ist das alles da; je weiter weg, desto mehr nehme ich es wahr. Seit gut einem Jahr sind Sie in der Ukraine nicht mehr direkt an der Front im Einsatz, sondern als Ausbilder in taktischer Medizin. Ich sehe genug Sinn in dieser Tätigkeit, dass die Depression mir dabei nicht zu sehr ein Bein stellt. Ich verstehe immer noch, warum ich tue, was ich tue. Ich rette nicht mehr selbst mit meinen Händen – aber ich bringe Menschen bei, sich selbst und andere zu retten. Das ist für mich immer noch wichtig genug. Aber es ist immer ein Auf und Ab, auch weil man ja kaputter aus dem Krieg kommt, als man hineingegangen ist. Kiew unter Druck: Trumps mächtige Hebel gegen die Ukraine Starlink-Alternative: Musk macht misstrauisch – und Europa reagiert In Ihrem Buch arbeiten Sie mit Rückblenden und Intermezzi. Sie reflektieren dann etwa ihr eigenes Verhalten in bestimmten Situationen. Was wollten Sie damit beim Leser bezwecken? Diese Kapitel dienen der Selbstreflexion und sind letztlich der rote Faden: Sie zeigen meine sich verschlechternde mentale Gesundheit. Außerdem habe ich auch einfach Frust abgelassen: etwa über das Versagen "der da oben" oder darüber, warum wir gestern jemanden verloren haben. Diese Intermezzi sind Atempausen, die ich zwischen den verschiedenen Situationen ausgefüllt habe. Besonders eindrücklich sind in Ihrem Buch Szenen, in denen ukrainische und russische Soldaten aufeinandertreffen. Ein Alkoholiker geht immer wieder mit Kremlsoldaten trinken, andere ukrainische Soldaten schützen russische Gefangene vor Diebstahl durch ukrainische Kameraden. In der Kriegspropaganda beider Seiten hingegen spielt Entmenschlichung eine große Rolle. Wie sehen Sie Ihren Gegner im Schützengraben? Krieg lebt grundsätzlich von Entmenschlichung auf beiden Seiten. Man muss den Gegner dehumanisieren, sonst ist es schwer, die Waffe auf einen Menschen zu richten. Dann wird der Gegner zum Monster. Mir war es aber wichtig, die kurzen Momente zu zeigen, in denen dieser Vorhang verschwindet und Mensch wieder Mensch begegnet. Diese Momente finde ich sehr bizarr. Sind die Russen für Sie also Monster? Ich kann in dem Feind kein Monster sehen. Das geht einfach nicht als Sanitäter. Ich habe auch ihre Toten gesehen – die gleichen Organe, das gleiche Blut, die gleichen Knochen. Das sind keine Monster, das sind genau die gleichen Menschen, die aufgrund falscher Überzeugungen in einem fremden Land sind und es angreifen. Sehen Ihre Kameraden das auch so? Ich kann da nicht für jeden sprechen. Es gibt aber durchaus skurrile Momente, in denen die Gegner sogar miteinander sprechen. Meist passiert das, sobald keine unmittelbare Gefahr mehr besteht, also wenn eine der beiden Seiten keine Waffe mehr hat. Es gibt davon auch Videoaufnahmen: Ukrainer nehmen Russen gefangen, oder umgekehrt, und plötzlich rutscht ein "Bruder, setz dich jetzt" raus – als würden sie gerade am Kiosk zusammensitzen. Natürlich gibt es aber auch genug Situationen, in denen jemand doch zum Messer greift. Wir sind trotzdem Feinde. Wie war vor dem Krieg Ihr Verhältnis zu diesen beiden Ländern, in denen Sie Wurzeln haben? Ich stand beiden nah, hatte aber weniger Erfahrung mit der Ukraine. Ich war nur einmal für einen Schüleraustausch dort, es hat mir sehr gefallen. Ich fühlte eine Verbundenheit, auch wegen der Mentalität, die ich in meiner Familie kennengelernt habe. Sie unterscheidet sich in vielen Momenten radikal von der deutschen. Krieg im Schwarzen Meer : Vor Bulgarien zeigt sich das Dilemma der Nato Ukraine trifft Yandex: Folgen könnten Jahre nachwirken Warum hat es Sie dann im Krieg ausgerechnet in die Ostukraine verschlagen, den am heftigsten umkämpften Teil der Front? Weil das Leiden dort am größten war. Ursprünglich habe ich humanitär in der Oblast Charkiw gearbeitet, dann sind wir in die Oblast Donezk gezogen, zwischenzeitlich auch ein kleines Stück in die Oblast Luhansk. Dort kam ich mit dem Militär in Kontakt, wir haben Freundschaften geschlossen, und dann wollte ich auch dort dienen. Der Donbass ist Alpha und Omega dieses Konflikts: Dort hat es angefangen, dort wird es enden. Zieht es Sie wieder zurück an die Front, jetzt da sie als Ausbilder eher weiter entfernt sind? Es zieht mich definitiv wieder zurück. Ob ich dort eingesetzt werde, weiß ich nicht, weil ein Sanitäter aktuell kaum noch an die Front kommt. Das ist durch die Drohnen extrem schwierig geworden. Wenn man nicht zu den Verwundeten kommt, kann man es nicht machen. Deshalb setzt man heute viel mehr auf Evakuierungen mit Bodendrohnen. Die Kommandanten, mit denen ich spreche, sagen mir einhellig: Du bist ein guter Ausbilder, mach das, was du gerade machst – du rettest damit mehr Menschenleben, als wenn du jetzt vielleicht drei evakuierst und dabei stirbst. Sind Sie damit zufrieden? Mittlerweile habe ich rund 8.000 Leute ausgebildet. Wenn auch nur zehn Prozent davon aufgepasst haben, also etwa 800, und davon wieder zehn Prozent es richtig eingesetzt haben, also etwa 80 – dann habe ich in den letzten anderthalb Jahren 80 Menschen das Leben gerettet. So viele hätte ich mit meinen eigenen Händen in der gleichen Zeit kaum retten können. Haben Sie keine Angst davor, im Krieg zu sterben? Doch, mittlerweile aber weitaus weniger. Das Risiko ist trotzdem da. Auch weiter von der Front entfernt, wo ich jetzt arbeite, sind Drohnen eine Gefahr. Dennoch würde ich dort meine Überlebenschance als sehr hoch einschätzen. Trotzdem muss man sich damit beschäftigen. Denn sobald man anfängt, den Tod komplett auszuklammern, geht man drauf. Sie sagen, im Donbass werde der Krieg enden. Die Region ist häufig Gegenstand von Debatten über mögliche Gebietsabtretungen. Berührt Sie das an der Front? Es spielt für uns keine Rolle. In den letzten Jahren wurde immer wieder groß über Verhandlungen geredet, und man hat sich dann doch etwas ausgemalt, Hoffnung geschöpft. Dann wurde das medial gehypt, auch von Politikern wie Donald Trump mit Sätzen wie: Wenn ich Präsident werde, ist das in 24 Stunden erledigt. Ich hatte Hoffnung, dass es zumindest einen Waffenstillstand geben könnte, auch wenn solche Aussagen von Trump kamen. Mittlerweile sehe ich es so: Solange nicht verkündet wird, dass ab morgen Waffenstillstand ist, interessiert es mich nicht mehr. Beschäftigen Sie sich manchmal mit Szenarien, wie dieser Krieg enden könnte, oder spielt das für Sie keine Rolle? Das ergibt für mich keinen Sinn mehr. Ich habe vielleicht meine eigenen Ideen, aber die wird ohnehin niemand hören oder befolgen. Nach den sieben, acht Jahren Studium Internationaler Beziehungen habe ich versucht, Politikempfehlungen zu geben. Das habe ich nun aufgegeben. Wie nehmen Sie die Diskussion über den Ukraine-Krieg in Deutschland wahr? Was ich wahrnehme, ist in erster Linie die Debatte: Ukraine unterstützen oder nicht. Ich glaube, bei den meisten kommt das eher aus einer ökonomischen Depression, die sie bei sich selbst wahrnehmen, aufgrund wirtschaftlicher Stagnation in Deutschland. Bei den einen ist es populistische Rhetorik gegen die Ukraine-Hilfe, weil sie auf der Seite Russlands stehen – das finde ich verwerflich, aber zumindest haben sie eine politische Argumentation. Bei anderen heißt es: Mir geht es schlecht, und das liegt an der Ukraine-Hilfe – das ist zu kurz gedacht, auch das ist populistische Rhetorik, nur mit anderen Gründen. Was bedeutet das für Sie an der Front? Für mich hat es letztlich einen Effekt auf das, was bei uns passiert: Unterstützung, ja oder nein. Eine Sache, die ich im Buch darlege, ist, dass wir sehr viel improvisieren müssen und mit dem Allernötigsten auskommen. Denn trotz internationaler Hilfen fehlt es an der Front an Vielem. Herr Gertz, vielen Dank für das Gespräch.
