E-Autos im Test: Ein Wert ist noch viel wichtiger als die Reichweite
22 Elektroautos treten zu einer 230 Kilometer langen Testfahrt an. Am Ende zeigt sich: Bei einer Disziplin liegen zwischen den Modellen große Unterschiede. Wie weit kommt ein Elektroauto mit einer Akkuladung? Für viele Käufer dürfte diese Zahl noch immer zu den wichtigsten Angaben im Datenblatt gehören. Ein Praxistest des kanadischen Automobilklubs CAA zeigt allerdings, dass auch andere innere Werte zählen. Für den "2026 CAA EV Circuit" schickte der Automobilklub 22 Elektroautos auf eine 230 Kilometer lange Strecke durch die kanadische Provinz Ontario. Sie führte über Stadtstraßen, Landstraßen und Highways. Alle Fahrzeuge fuhren dieselbe Route und wurden laut CAA mit einheitlichen Einstellungen betrieben. Alle 22 Elektroautos erreichten das Ziel ohne Ladestopp – auch das Fahrzeug mit der geringsten angegebenen Reichweite. Im Durchschnitt benötigten die Autos für die Strecke rund 40 Prozent ihrer Akkuladung. Damit rückte eine andere Frage in den Vordergrund: Wie viel Energie benötigen die verschiedenen Elektroautos überhaupt für dieselbe Strecke? Beim Verbrauch liegen Welten dazwischen Die Unterschiede fallen deutlich aus. Am wenigsten Strom benötigte der Toyota bZ mit 11,43 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Dahinter folgten das Tesla Model Y mit 11,81, das Tesla Model 3 mit 11,85 und der Kia EV4 mit 11,89 Kilowattstunden. Am anderen Ende der Tabelle stehen mehrere große und schwere Fahrzeuge. Der Lucid Gravity kam auf 28,91 Kilowattstunden pro 100 Kilometer, der GMC Hummer EV SUV auf 23,55 und der Tesla Cybertruck auf 23,41 Kilowattstunden. Damit benötigte der Lucid Gravity auf 100 Kilometern mehr als zweieinhalbmal so viel Energie wie der Toyota bZ. CAA rechnete den durchschnittlichen Energiebedarf der getesteten Elektroautos außerdem in ein Benzinäquivalent um. Demnach benötigten sie Energie im Umfang von ungefähr zwei Litern Benzin pro 100 Kilometer. Ein durchschnittlicher kanadischer Pkw mit Verbrennungsmotor verbrauche dagegen etwa acht bis zehn Liter auf 100 Kilometer, so der Automobilklub. Modell Verbrauch (kWh/100 km) Reichweite nach 15 Min. Laden Toyota bZ 11,43 +99 km Tesla Model Y 11,81 +97 km Tesla Model 3 11,85 +123 km Kia EV4 11,89 +104 km Nissan Leaf 12,48 +126 km Hyundai Ioniq 5 13,40 +136 km Hyundai Kona Electric 13,64 +105 km Volkswagen ID.4 14,39 +125 km Chevrolet Equinox EV 14,47 +71 km Mercedes-Benz CLA mit EQ Technology 15,22 +135 km Hyundai Ioniq 9 15,52 +108 km Lucid Air 16,25 +58 km BMW iX3 16,59 +121 km Ford Mustang Mach-E 16,82 +105 km Chevrolet Silverado EV 17,23 +80 km Polestar 4 17,60 –* Volkswagen ID. Buzz 18,47 +118 km Cadillac Lyriq 19,10 +131 km Rivian R1T 19,96 +123 km Tesla Cybertruck 23,41 +98 km GMC Hummer EV SUV 23,55 +90 km Lucid Gravity 28,91 +178 km *Beim Polestar 4 traten laut CAA während des Ladetests Schwierigkeiten auf. Deshalb liegt kein vergleichbarer Wert vor. Was 15 Minuten an der Ladesäule bringen Nach der 230 Kilometer langen Fahrt folgte ein weiterer Test: Die Fahrzeuge wurden für 15 Minuten geladen. Im Durchschnitt stieg die im Fahrzeug angezeigte Reichweite dabei um 110 Kilometer. Fast zwei Drittel der Modelle gewannen innerhalb dieser Zeit mindestens 100 Kilometer hinzu. Auch hier war die Spannweite groß: Der Lucid Gravity zeigte nach 15 Minuten 178 zusätzliche Kilometer an. Beim Hyundai Ioniq 5 waren es 136 Kilometer, beim Mercedes-Benz CLA mit EQ Technology 135 Kilometer. Deutlich weniger kam beim Lucid Air hinzu: Nach 15 Minuten zeigte das Auto 58 zusätzliche Kilometer an. Beim Chevrolet Equinox EV waren es 71 Kilometer, beim Chevrolet Silverado EV 80 Kilometer. Hier wird deutlich: Die maximale Ladeleistung aus dem Datenblatt entscheidet nicht allein über die Dauer eines Ladestopps. Auch das Fahrzeug, die verwendete Ladesäule, die Temperatur der Batterie und ihr aktueller Ladezustand beeinflussen das Ladetempo. Hinzu kommt eine Einschränkung des Tests: Nicht alle Fahrzeuge erreichten die Ladesäule mit einem Akkustand, der für die jeweils höchste Ladeleistung ideal gewesen wäre. Die Werte sind deshalb als Momentaufnahme unter den Bedingungen dieser Testfahrt zu verstehen – und nicht als Messung der maximal möglichen Ladeleistung jedes Modells. Im Winter steigt der Energiebedarf Welchen Einfluss die Bedingungen haben können, zeigt der Vergleich mit einem früheren CAA-Test. Im Februar 2025 hatte der Automobilklub ebenfalls Elektroautos getestet – damals unter winterlichen Bedingungen. Die Fahrzeuge des Tests im September 2026 benötigten im Durchschnitt rund 40 Prozent weniger Energie als die damalige Testgruppe. Beim 15-minütigen Ladestopp gewannen sie außerdem im Schnitt rund 15 Prozent mehr angezeigte Reichweite hinzu. Allerdings lassen sich die beiden Tests nicht unmittelbar miteinander vergleichen: Fahrzeuge und Bedingungen waren laut CAA nicht identisch. Das sollten Sie beim E-Auto-Kauf abwägen Neben der maximalen Reichweite ist vor allem der Energieverbrauch entscheidend – wie auch bei einem Benziner oder einem Diesel der Spritverbrauch mehr zählt als die Größe des Tanks. Für längere Fahrten kommt das Ladeverhalten hinzu. Nicht nur die maximale Ladeleistung in Kilowatt ist dabei interessant, sondern auch die Frage, wie viele Kilometer innerhalb einer üblichen Pause tatsächlich nachgeladen werden können. Der CAA-Test zeigt, wie unterschiedlich beide Werte ausfallen können. Ein niedriger Verbrauch bedeutet nicht automatisch, dass ein Fahrzeug in 15 Minuten besonders viele Kilometer nachlädt. Umgekehrt kann ein hoher Verbrauch durch schnelles Laden auf einer langen Reise teilweise ausgeglichen werden. Wer häufig längere Strecken fährt, sollte Reichweite, Verbrauch und Ladeverhalten deshalb gemeinsam betrachten und gegeneinander abwägen.
