Volkswagen in der Krise und das Ende einer Epoche
VW steht nicht nur vor harten Sanierungen, sondern vor dem Ende einer Epoche. Warum die Krise ein spätes Erwachen aus einem kollektiven Tiefschlaf ist und warum die größte Schwäche des Riesen zugleich seine Rettung sein könnte. Größe schützt nicht vor dem Niedergang. Bestes und schlechtestes Beispiel zugleich ist die schwere Krise des Volkswagen-Konzerns. Hier geht es nicht um die üblichen Schwankungen eines Automobilherstellers, sondern um das Erwachen aus einer kollektiven Illusion. In Wolfsburg verliert das alte Versprechen, der Wohlstand dieses Landes ruhe unumstößlich auf deutscher Ingenieurskunst, gerade seine Gültigkeit. Der geplante weltweite Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen und die Schließung deutscher Traditionsstandorte sind keine bloßen Sanierungsmaßnahmen. Sie sind das Eingeständnis, dass sich das wirtschaftliche Gefüge einer ganzen Nation verschiebt. Die Last der Größe Um den Kern dieser Krise zu verstehen, hilft kein Blick auf frühere Produktionsrekorde, sondern auf die heutige Effizienz. Zwar erwirtschaftet Volkswagen dreistellige Milliardenumsätze, im Endeffekt bewegt sich der Konzern jedoch am Rande des Stillstands. Eine operative Rendite von lediglich drei Prozent schränkt den finanziellen Spielraum massiv ein. Wenn von jedem umgesetzten Euro nur drei Cent für die Erforschung zukünftiger Technologien übrig bleiben, verliert ein Unternehmen langfristig seine Innovationskraft. Neuheiten: Diese Autos sollen VW jetzt durch die Krise helfen Das eigentliche Problem ist die schiere Masse: VW leidet unter einer historisch gewachsenen Überkapazität. Die globalen Strukturen sind darauf ausgerichtet, zwölf Millionen Fahrzeuge pro Jahr zu fertigen. Aber das ist ein Relikt aus einer Epoche des starken Weltmarktwachstums. Da sich die tatsächliche Nachfrage bei unter neun Millionen Fahrzeugen eingependelt hat, trägt der Konzern dauerhaft die Fixkosten für Kapazitäten, die nicht ausgeschöpft werden. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden etwa ist die Produktion bereits eingestellt worden. Das zeigt: In Zeiten des schnellen Wandels ist Größe kein Schutzschild mehr. Sie ist vielmehr eine logistische Last. Die Reaktion des Vorstands unter Oliver Blume gleicht einer industriellen Vollbremsung, die auch gewohnte Mechanismen der sozialen Partnerschaft in Deutschland aushebelt. Während früher sozialverträgliche Vorruhestandsregelungen den Wandel abfederten, steht die Belegschaft nun vor einer harten Auseinandersetzung. Die Verschiebung in Asien Jahrzehntelang basierte das Geschäftsmodell von Volkswagen auf einem verlässlichen Ungleichgewicht: In Europa wurden die Fahrzeuge konzipiert, auf dem boomenden chinesischen Markt wurden sie mit hohen Margen verkauft. Dieser riesige Gewinnbringer finanzierte verlässlich den aufwendigen Apparat in der Heimat und überdeckte gewaltige Defizite. Doch dieser Kreislauf hat sich unumkehrbar erschöpft. Der Bruch vollzog sich entlang eines technologischen Generationswechsels. Während die deutsche Automobilindustrie untrennbar am Verbrennungsmotor festhielt, transformierte sich die chinesische Konkurrenz mit rasender Geschwindigkeit in Richtung eines rein digitalen und elektrischen Systems. Neue Akteure wie BYD haben Volkswagen nicht in erster Linie beim klassischen Automobilbau überholt, sondern bei der Software, dem Tempo der Entwicklung und der Preispositionierung. Für die junge Generation chinesischer Käufer ist ein Auto kein mechanisches Statussymbol mehr, sondern eine digitale Plattform. Der daraus resultierende Verlust von Marktanteilen entzog Wolfsburg das bequeme finanzielle Polster. Dieses Defizit spiegelt sich im Scheitern der eigenen Softwarestrategie wider. Der Versuch, mit der Sparte CARIAD ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln, endete in einem finanziellen Desaster. Die daraus resultierenden Verzögerungen blockierten den rechtzeitigen Marktstart entscheidender Elektromodelle. Nun zwingt die Realität das Management zu einem pragmatischen Kurswechsel: Da eigene Systeme fehlen, muss VW moderne Technologie teuer zukaufen. Gleichzeitig führt der Spardruck zur Beendigung bewährter Allianzen, beispielsweise der Partnerschaft mit Bosch im Bereich des autonomen Fahrens. Es ist eine schmerzhafte Konzentration auf das Überlebensnotwendige. Ein Zusammenspiel mehrerer Marktprobleme Das unruhige europäische Umfeld verschärft das strategische Dilemma des Konzerns. Volkswagen agiert in einem engen regulatorischen Rahmen, der immer häufiger mit der wirtschaftlichen Realität kollidiert. Einerseits fordern die CO2-Flottenziele der Europäischen Union eine rasche Erhöhung des Elektroanteils, um hohe Strafzahlungen zu vermeiden. Auf der anderen Seite steht jedoch eine seit Jahren bestehende Kaufzurückhaltung der europäischen Konsumenten. Dieses Stocken der Nachfrage hat handfeste Gründe. Der abrupte Stopp staatlicher Kaufprämien hatte Autokäufer nachhaltig verunsichert. Hinzu kommen steigende Preise und eine lückenhafte Ladeinfrastruktur. Am Ende fehlt vielen Menschen schlicht das Geld für ein neues Auto. Zumal es viele Hersteller selbst versäumten, rechtzeitig bezahlbare Elektromodelle für den Massenmarkt anzubieten. Das Ergebnis ist ein strukturelles Ungleichgewicht: Volkswagen hält Kapazitäten vor, die der Markt in dieser Menge nicht aufnimmt. Die daraus resultierenden Rabattschlachten zehren an den ohnehin geschrumpften Margen. Das Risiko für das Zulieferer-Netzwerk Die Auswirkungen dieser Krise reichen weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus. Ökonomen verweisen bereits auf das historische Beispiel von Nokia – die schleichende Auflösung eines nationalen Vorzeigeunternehmens, die eine ganze Wirtschaft mit sich ziehen kann. Volkswagen ist der zentrale Anker eines weitverzweigten industriellen Netzwerks. An jedem Arbeitsplatz im Konzern hängen unzählige Existenzen bei Zulieferern, Logistikern und mittelständischen Spezialisten. Große Lieferanten wie Bosch, Continental oder ZF durchlaufen bereits eigene, tiefgreifende Sparprogramme. Für den hochspezialisierten Mittelstand , dessen Wertschöpfung oft noch immer am Verbrennungsmotor hängt, geht es um das nackte Überleben. Bricht dieser industrielle Anker weg, schrumpfen nicht nur die Steuereinnahmen ganzer Regionen. Auch das soziale Gefüge und das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Standorts insgesamt nehmen Schaden. Die Quelle der eigenen Kraft Dennoch sollte man den Volkswagen-Konzern nicht vorzeitig abschreiben. Die fundamentale Krise des Unternehmens offenbart einen inneren Widerspruch: Die Ursachen seiner Trägheit sind zugleich die Quellen seiner potenziellen Stärke. VW verfügt über eine weltweit nahezu beispiellose industrielle Infrastruktur, etablierte globale Vertriebswege und eine enorme Produktionsmacht. Sobald dieser gigantische Apparat effizient ausgerichtet wird, kann er Kostenvorteile realisieren, die für junge Konkurrenten unerreichbar bleiben. Zudem ist das breit aufgestellte Markenportfolio von Skoda bis Porsche nach wie vor wertvoll und begehrt. Das technologische Fundament und die Ingenieurskompetenz sind intakt. Der Konzern investiert weiterhin zweistellige Milliardenbeträge in die Zukunft. Damit besitzt Volkswagen die Substanz, die Transformation aus einer Position der eigenen Stärke heraus zu gestalten. Der geordnete Rückzug Die Neuausrichtung dieses industriellen Schwergewichts erfordert allerdings tiefe Einschnitte. Der Weg in die kommenden Jahre führt über eine konsequente Konsolidierung. Um die hohen Standortkosten in Deutschland auszugleichen, wird die Verlagerung der Produktion ins Ausland weiter vorangetrieben. Den heimischen Standorten steht ein tiefgreifender Wandel bevor. Bis hin zur Erschließung völlig neuer Technologiefelder. Am Ende dieses Prozesses wird ein grundlegend verändertes Unternehmen stehen. Volkswagen wird kleiner sein, internationaler ausgerichtet und in seinen Kernbereichen offener für globale Allianzen. Die Zeit, in der Wolfsburg als autarkes Zentrum der Automobilwelt agieren konnte, ist vorbei. Seine industrielle Bedeutung ist es jedoch noch lange nicht.
