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AfD in Erfurt: Werden Krawalle schlimmer als in Gießen?

Vor dem AfD-Parteitag in Erfurt wird linksextreme Gewalt bei Protesten befürchtet. Das erinnert an den Angriff mit Fausthieben auf einen AfD-Bundestagsabgeordneten bei ähnlichen Protesten. Was sagt er, was wurde daraus? Die Videobilder wurden international verbreitet: Ein AfD-Bundestagsabgeordneter will zur Gründungsversammlung der AfD-Nachwuchsorganisation laufen, gerät mit Begleitern in eine Gruppe linker Protestierender und wird angegriffen: Zwei Schläge treffen den Politiker Julian Schmidt (36) im Gesicht. Das war im November in Gießen, als es gewalttätige Proteste gab. Und die Befürchtung ist groß, dass sich solche Bilder am Wochenende wiederholen könnten. 50.000 Menschen werden in Erfurt erwartet, wenn die AfD ihren Bundesparteitag abhalten will. Das möchte das Aktionsbündnis "Widersetzen" "nicht zulassen" und hat massive Proteste, Blockaden und Demonstrationen angekündigt. Die Thüringer Sicherheitsbehörden rechnen mit der Anreise von 1.000 bis 5.000 linken Extremisten. Linker Gegenprotest, Spießrutenlauf für Delegierte, deutlich erhöhte allgemeine Gefahrenlage im Stadtgebiet, massives Polizeiaufgebot – wie im November in Gießen. Der Verfassungsschutz nennt die Ausschreitungen in der hessischen Stadt in seinem aktuellen Bericht als Beispiel für einen Trend: Junge linksextremistische Aktivisten seien zunehmend gewaltbereit. Marxistisch-leninistische Ideologie werde mit einer "erlebnisorientierten Jugendkultur" verbunden. 207 Ermittlungsverfahren nach Gießen Was in Gießen geschah, beschäftigt die dortige Staatsanwaltschaft noch heute und wird auch dem Gericht noch einige Arbeit machen: 207 Ermittlungsverfahren wurden wegen der verschiedenen Zwischenfälle eingeleitet, keines ist bisher abgeschlossen. Vier davon haben mit dem Geschehen zu tun, in dessen Mittelpunkt der 36-jährige Julian Schmidt stand. t-online hat nachgefragt, was bei den Ermittlungen bis heute herausgekommen ist. AfD-Parteitag : Darum geht es in Erfurt am Wochenende AfD-Abgeordneter meldet Angriff : Bild von Blut-T-Shirt ist echt Am 29. November hatten es Teilnehmer verschiedener Gegenkundgebungen mit teils gewalttätigen Protesten geschafft, den Beginn der Gründungsversammlung der "Generation Deutschland" (GD) weit zu verzögern. Die GD wurde nach Auflösung der als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuften Jungen Alternative gegründet, der Verfassungsschutz sieht eine personelle und inhaltliche Kontinuität. Zur Gründungsversammlung waren 25.000 Menschen nach Gießen gekommen, um gegen die AfD-Jugend zu protestieren. Das sind halb so viele, wie in Erfurt erwartet werden. 10.000 beteiligten sich laut Innenministerium an rechtswidrigen Blockaden und legten zeitweise alle Zufahrtsstraßen lahm. 50 Polizisten wurden leicht verletzt. Über Stunden gelangte kein Mitglied in die Halle, sodass die ab 10 Uhr geplante Veranstaltung erst gut zwei Stunden später beginnen konnte. Schmidt und seine Begleiter hatten ihre Fahrzeuge kurz vor 8 Uhr in einem Gewerbegebiet abgestellt, in dem ein Baumarkt und andere Betriebe über große Parkflächen verfügen. Gut einen Kilometer Fußweg entfernt liegt die Halle, der Weg dorthin führt unter der autobahnähnlichen Bundesstraße 429 durch. Dort entstanden Bilder, die Zusammenstöße zwischen Polizisten und Demonstranten zeigen und Demonstranten, die sich von einer Brücke abseilen. Sicherheitsbehörden rechnen auch in Erfurt mit solchen Aktionen. Es gab bundesweit von "Widersetzen"-Gruppen "Aktionstrainings" zum Blockieren. Es wären knapp 15 Minuten Fußweg gewesen für die Gruppe um Schmidt. Doch sie kam nicht weit. Der Abgeordnete sagte t-online, sie seien schon beim Aussteigen aus dem Auto "durch Späher der Gegendemonstranten auf Fahrrädern identifiziert und bei der Demonstrantengruppe gemeldet" worden. So hätten diese sie sehr schnell auf dem kurzen Weg zur Polizeiblockade abfangen können. Er und seine Begleiter hätten es auch nicht für Videobilder auf eine Konfrontation angelegt, so der Abgeordnete aus dem unweit von Gießen gelegenen Marburg : "Die Polizei war in nächster Nähe, daher war das Risiko aus meiner damaligen Sicht überschaubar." Wechselseitige Schläge nach "Alerta, Antifascista"-Ruf Vor dem Gelände eines BMW-Händlers kam es zu der handfesten Auseinandersetzung, von der dann zuerst bei der neurechten "Jungen Freiheit" Bewegtbilder auftauchten. Das Video beginnt mitten im Geschehen. Man hört einen "Alerta, Antifascista"-Ruf und sieht, wie Schmidt aus der Gruppe Vermummter heraus geschlagen wird. Schmidt holt auch zu einem Schlag aus, der aber ins Leere geht und ihn das Gleichgewicht verlieren und fallen lässt. "Selbstverständlich habe ich während des Angriffs versucht, mich zu verteidigen", so Schmidt. Man sieht auch, wie er erst zurück und dann wieder nach vorn geht und direkt einen Schlag auf die Nase einsteckt. Im weiteren Verlauf zeigen die Bilder, dass ein Begleiter von Schmidt einen Mann aus der gegnerischen Gruppe mit einem heftigen Schwinger zu Boden bringt. Der steht auf und eilt davon. Ein wenig später aufgenommenes Video zeigt, dass sich die Situation weitgehend beruhigt hat, als Polizisten angerannt kommen. Beamte setzen unter anderem Schmidt wie einen Verdächtigen fest, der sich mit ausgestreckten Armen gegen das Autohaus lehnen muss. Doch gegen Schmidt und seine Begleiter laufen keine Ermittlungen, wie die Staatsanwaltschaft Gießen auf Anfrage von t-online mitteilte. Sprecher Thomas Hauburger: "Die Verfahren richten sich ausschließlich gegen Personen aus dem linken Spektrum." Die einzigen Geschädigten in dem Fall sind Schmidt und zwei seiner Begleiter. Es liegen der Polizei auch keine Anzeigen gegen die Gruppe aus dem AfD-Lager vor. Die Staatsanwaltschaft bestätigt allerdings auch nicht die einer Kleinen Anfrage der AfD im Bundestag getroffene Anagbe, rund 20 Angreifer hätten Schmidt und seine Gruppe attackiert. Dem Sprecher der Staatsanwaltschaft zufolge waren nach bisheriger Einschätzung am Übergriff mindestens sechs Personen beteiligt. Die seien Teil einer etwa 20-köpfigen Gruppe gewesen, "wobei sich der überwiegende Teil dieser Gruppe nicht aktiv beteiligt haben soll". Von den sechs Beschuldigten sind vier laut Polizei ermittelt. Die Vorwürfe: gemeinschaftlich begangene gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch. Woher die Beschuldigten kommen, will die Staatsanwaltschaft nicht sagen. Alle ermittelten Beschuldigten haben laut Hauburger vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und Akteneinsicht beantragt. Der Ermittlungsbehörde liege auch noch nicht öffentlich bekanntes Videomaterial vor, das ausgewertet werden müsse. In etwa vier Monaten könne es einen neuen Stand geben. Keine Bestätigung für "taz"-Bericht zu Vorgeschichte Die Staatsanwaltschaft hat auch keine Erkenntnisse darüber, dass zuvor von Schmidts Gruppe Gewalt ausgegangen war. Das hatten Zeugen der "taz" berichtet. "Die haben den Konflikt gesucht", titelte die linke Tageszeitung. Das legte den Verdacht nahe, es sei Schmidt darum gegangen, Videobilder zu produzieren, die sich anschließend propagandistisch ausschlachten lassen. Das Video zog tatsächlich schnell Kreise als Beleg für das Narrativ, AfD-Politiker seien in Deutschland 'Freiwild'. Die Kriminalstatistik bestätigt zumindest, dass besonders häufig wegen Übergriffen auf AfD-Vertreter ermittelt wird. Von den 193 im Jahr 2025 angezeigten Gewalttaten entfielen 121 auf Mitglieder der AfD als Opfer. Überwiegend geht es dabei um nachträglich angezeigte Körperverletzungsdelikte. In der Statistik ist jedoch etwa auch die ergebnislos verlaufene Anzeige eines AfD-Mitglieds erfasst, dass an seinem Auto mutmaßlich von Linken Radschrauben teils gelockert und teils sehr fest angezogen worden seien. Der "taz"-Artikel berichtete auch von Vorwürfen, Schmidts Gruppe sei rabiat gegen die linken Demonstranten aufgetreten. Einer Frau in gelber Warnweste, die sich mit Fahrrad in den Weg gestellt habe, habe ein Begleiter von Schmidt das Knie in den Bauch gerammt. Schmidt selbst habe eine andere Frau geschubst. Der Abgeordnete weist das alles zurück und sagt, der Artikel spiegele die "bekannte 'journalistische Qualität' dieser Zeitung" wider. Tatsächlich hatten die insgesamt fünf Augenzeugen der "taz" auch gesagt, dass sie sich mit den Vorwürfen nicht bei der Polizei gemeldet hätten. Sie wollten demnach nicht riskieren, dass ihre Namen und Adressen in den Ermittlungsakten und bei der AfD landen. Folglich heißt es auch von der Staatsanwaltschaft Gießen: "Entsprechende Zeugenaussagen oder Strafanzeigen sind hier bislang nicht eingegangen. Zu der angeblichen Körperverletzung einer Frau auf einem Fahrrad in gelber Warnweste liegen keine belastbaren Erkenntnisse vor." Schmidt wird auch in Erfurt wieder Delegierter sein. Er werde "wie auch in Gießen versuchen, friedlich und ohne Kontakt mit Gegendemonstranten zum Parteitag zu kommen", erklärte er t-online.