Ferrari Luce: Reaktionen auf E-Sportwagen – "Billigen Grappa gesoffen"
Ferrari wagt mit dem Luce den radikalen Neuanfang: elektrisch, fünfsitzig, futuristisch. Im Netz löst das Modell heftige Diskussionen aus. Ferrari hat schon viele extreme Autos gebaut. Doch kaum ein Modell der Italiener hat schon vor dem Marktstart eine derart heftige Debatte ausgelöst wie der neue Luce. Das erste vollelektrische Serienmodell der Marke löst im Netz Spott, Begeisterung – und eine Grundsatzdiskussion darüber aus, was ein Ferrari überhaupt noch sein darf. Dabei lesen sich die technischen Daten zunächst wie die eines typischen Supersportwagens aus Maranello: bis zu 1.050 PS, mehr als 310 km/h Spitze, 530 Kilometer Reichweite und ein Sprint von null auf 100 km/h in 2,5 Sekunden. Gleichzeitig bricht der Luce mit mehreren Ferrari-Traditionen: vier Türen, fünf Sitze, großer Kofferraum, hohes Dach und ein Design, das deutlich glatter und futuristischer wirkt als bisherige Modelle. "Das sieht nicht mehr aus wie ein Ferrari" Vor allem die Optik führt seit der Vorstellung zu heftigen Reaktionen. Unter einem LinkedIn-Post des "Motor1"- und "InsideEVs"-Chefredakteurs Roland Hildebrandt sammelten sich binnen Stunden Hunderte Kommentare. "Der Fiat Multipla hat seinen Meister gefunden", schrieb Alexander Roth auf LinkedIn. Andere Nutzer verglichen den Luce mit einem "Playmobil"-Auto, einem "Temu-Ferrari" oder einem beliebigen chinesischen Elektroauto . Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ein Kommentar des Autojournalisten Alexander Bloch. Er schrieb: "… entweder die Kamera verzerrt brutal oder die Designer haben so viel billigen Grappa gesoffen, bis ihnen die Proportionen und Formen völlig entglitten sind." Auch im Netzwerk X gab es verschiedene gehässige Kommentare zum Design: Viele Reaktionen richten sich dabei weniger gegen den Elektroantrieb selbst als gegen den wahrgenommenen Verlust der Ferrari-Identität. "Das Fahrzeug ist genauso weit weg von einem typischen Ferrari wie der Mach E vom Mustang", schrieb Thomas Mertens. Axel Raue formulierte: "Ferrari darf elektrisch werden – aber niemals gestalterisch austauschbar." Gregor Soller schrieb: "Es ist per se nicht hässlich, aber so gaaaaaaar nicht Ferrari." Immer wieder taucht in den Kommentaren auch der Vergleich mit Jaguar auf. Hintergrund ist die kontroverse Neuausrichtung der britischen Marke, die ebenfalls wegen eines radikalen Stilbruchs kritisiert wurde . Manche Nutzer sprechen bereits von einem möglichen "Jaguar-Moment" für Ferrari. Manche feiern den Bruch mit der Tradition Doch es gibt auch Gegenstimmen. Einige Nutzer loben gerade den radikalen Bruch mit der bisherigen Ferrari-Formensprache. "Ferrari macht hier etwas, das viele offenbar verlernt haben: mutig nach vorn denken", schrieb Carsten Röhr. Andere argumentieren, eine Marke wie Ferrari müsse polarisieren, um relevant zu bleiben. Lorand Heissmann schrieb: "Was schnell gefällt, hat keinen Bestand – was sofort spaltet, schreibt Geschichte." Tatsächlich scheint Ferrari mit dem Luce bewusst neue Zielgruppen ansprechen zu wollen. Der Wagen bietet deutlich mehr Alltagstauglichkeit und wurde gemeinsam mit dem Designkollektiv LoveFrom um den früheren Apple-Designer Jony Ive entwickelt. Auch der Innenraum setzt stärker auf Bedienkonzepte und Nutzererlebnis als viele klassische Sportwagen. Gerade das Interieur wird selbst von manchen Kritikern positiv hervorgehoben. Auch Anleger reagieren nervös Die heftigen Reaktionen blieben auch an der Börse nicht folgenlos. Die Ferrari-Aktie verlor nach der Vorstellung des Luce zeitweise fast acht Prozent. Analyst Michael Binetti von Evercore ISI sprach von "einem radikalen Bruch mit dem traditionellen Ferrari-Design". Anthony Dick von der Finanzgruppe Oddo BHF bezeichnete den Luce als "radikale und durchaus kontroverse Abkehr vom traditionellen Marken-Ethos". Die ersten Reaktionen von Auto- und Ferrari-Fans seien "durchweg negativ". Besonders kritisch: Laut Binetti berichten Händler bislang von einer eher geringen Nachfrage. Gleichzeitig kostet der Luce rund 550.000 Euro – und liegt damit deutlich über vielen anderen elektrischen Hochleistungsfahrzeugen. Mehr als nur ein neues Modell Damit wird der Luce plötzlich mehr als nur ein neues Auto. Der Wagen steht auch für die Frage, wie sich traditionsreiche Sportwagenmarken in der Elektroära neu erfinden können, ohne ihre bisherige Identität zu verlieren. Ferrari hat damit zumindest etwas geschafft, das vielen Herstellern misslingt: Über kaum ein neues Auto wird derzeit so emotional diskutiert.
