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Meteo-Tsunami an der Nordsee: Gefahr aus dem Nichts

Ruhige See, Nordsee-Idylle – und plötzlich rollt der Tod heran. Ein Tsunami-Forscher hält dieses Szenario für realistisch. Er sagt: "Wir sollten eine Warnmöglichkeit haben." Der Himmel ist blau, die Sonne strahlt, eine leichte Brise weht. Es sind Ferien, das Watt liegt offen da und Hunderte Menschen sind an diesem warmen Tag von Cuxhaven aus zur Wanderung aufgebrochen, um ein alltägliches, aber doch magisches Naturschauspiel zu erleben: Familien mit Kindern laufen über den funkelnden Meeresboden, das Wasser hat sich so weit zurückgezogen, dass es den kilometerweiten Weg vom Festland bis zur Insel Neuwerk freigegeben hat. Nur dass heute, an diesem hypothetischen Tag, etwas anders ist: Plötzlich drängen ohne Vorwarnung Wassermassen heran. Unaufhaltsam türmen sie sich zu einer drückenden Welle auf, zu einer unheilvollen Flut im Zeitraffer. Unmöglich, noch Halt zu finden, keine Chance, das rettende Ufer zu erreichen: Die Welle reißt Männer, Frauen und Kinder von den Füßen und zieht sie mit hinaus aufs offene Meer. Monstersturm in Deutschland: Ein Killer-Tornado ist "längst überfällig" Polarwirbel und Amoc schwächeln: "Es droht ein langer, arktischer Winter" Küstenbewohner kennen Nordsee-Tsunamis als "Seebären" "Es wäre eine Katastrophe", sagt Jörn Behrens, Professor für numerische Methoden in den Geowissenschaften an der Universität Hamburg . Der Mathematiker, Modellierer und Tsunami-Experte ist überzeugt, dass solch eine todbringende Welle an der Nordsee im Prinzip fast jederzeit möglich ist. Messinstrumente würden jedes Jahr mehrere kleinere Nordsee-Tsunamis registrieren, erklärt er t-online. Die meisten fielen nur niemandem auf, weil sie zu winzig seien. Immer mal wieder sei aber auch eine größere Welle dabei. "Das absolute Worst-Case-Szenario wäre, wenn sie, etwa bei einer Wattwanderung, auf viele schutzlose Menschen trifft." Küstenbewohner nennen die etwas größeren der Mini-Tsunamis "Seebären". 2017 filmte ein Urlauber frühmorgens im niederländischen Zandvoort eine kraftvolle Welle, die den Strand überspülte und Strandkörbe mitriss. "Wenn da Kinder gespielt hätten", sagt Behrens, "wären die weg gewesen". Tote Kinder auf Sylt: "Ein Augenblick, den ich nicht loswerde" 1957 berichtete das "Hamburger Abendblatt" von einem "Seebären" bei fast vollkommener Windstille in St. Peter-Ording, der zahlreichen Autos auf einer Sandbank "ein unfreiwilliges Bad in der Nordsee" beschert habe. Und 1969 starben auf Sylt tatsächlich Kinder: "Wie aus dem Nichts" sei die Welle plötzlich aufgetaucht, schrieb damals die "Sylter Rundschau". Vier Jungen aus einem Erholungsheim, die mit ihren beiden Betreuerinnen bei Sonnenschein und ruhigem Wetter im Wasser waren, ertranken. Ein Rettungsschwimmer schilderte grauenhafte Szenen: Acht- und neunjährige Kinder klammerten sich demnach an ihn und schrien um Hilfe. Doch der Rettungsschwimmer drohte selbst unterzugehen. "Ein Junge hatte mich so gepackt, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte", beschrieb der Mann später die Situation. "Da musste ich ihn ja losmachen. Das war ein Augenblick, den ich einfach nicht loswerde – als ich den Jungen untergehen sah." Gewitterfronten statt Seebeben: So entstehen Meteotsunamis Nordsee-Tsunamis entstehen anders als die riesigen, durch Seebeben ausgelösten Tsunamis, die im Pazifik gefürchtet sind . Wenn sie allerdings einmal auf die Küste zurollen, ist der Mechanismus derselbe. Die Experten sprechen von Meteotsunamis, also Wettertsunamis: In der Nordsee ist meist eine schnell ziehende Gewitterfront die Ursache. Die See hebt sich durch die Unterschiede im Luftdruck zunächst zu einer kaum merklichen Welle an. Bewegt sich das Gewitter nun mit derselben Geschwindigkeit in dieselbe Richtung, schaukelt sich die Welle allmählich auf, bis sie eine solche Macht hat, dass sie auch dann noch weiterläuft, wenn sich das Gewitter verzieht. "An der Küste macht die Welle richtig Ärger" Gefährlich dabei ist, dass die Resonanz zwischen Luftdruckwellen und Meer die gesamte Wassersäule bis zum Grund des Meeres in Schwingung versetzt, dass also ganz andere Wassermengen bewegt werden, als wenn ein Sturm die See bloß an der Oberfläche aufwühlt. Zudem hat diese Welle eine viel längere Periode als ein normaler Brecher: Mitunter dauert es zehn Minuten, bis der Wellenberg erreicht ist – und wieder zehn Minuten bis zum nächsten Wellental. "Auf einem Schiff spürt man das gar nicht", erläutert Behrens. "Aber an der Küste macht die Welle richtig Ärger." Denn während sie auf dem Meer oft nur wenige Zentimeter hoch ist, türmt sich das Wasser auf, wenn es ins Flache geht. Die lange Wellenperiode bedeutet, dass die Wassermassen nicht bloß kurz drücken, sondern lange und kraftvoll gegen die Küste strömen – und ebenso lange wieder zurück in Richtung Meer fließen. Meteotsunami auf Mallorca: "Es reichen 50 Zentimeter" Wie verhängnisvoll das sein kann, verdeutlicht der Meteotsunami, der am 16. Juli 2018 auf Mallorca traf. Auf den Balearen ist das Phänomen als "Rissaga" bekannt, bei deren Entstehung auch Berge eine Rolle spielen, die aufs Wasser treffende Luftdruckwellen kanalisieren. Von diesem Tsunami gibt es eine Vielzahl von Videoaufnahmen: Darauf zu sehen ist, wie Boote mitgerissen und Strandpromenaden überspült werden. Ein deutscher Familienvater aus dem Münsterland wurde erfasst und ins Meer gespült. Als er schließlich aus den Fluten geborgen werden konnte, war es zu spät: Notärzte versuchten vergeblich, den 52-Jährigen wiederzubeleben. "Eine Tsunamiwelle muss nicht besonders hoch sein", erläutert Mathematiker Behrens. "Es reichen 50 Zentimeter – und es ist schon kaum noch möglich, stehenzubleiben." Opfer werden minutenlang von der Strömung mitgezogen, als wären sie in einen starken Fluss geraten. Hafenresonanz: Tsunamiwellen werden immer höher Noch unangenehmer wird es, wenn Tsunamis auf Buchten, Fjorde oder Häfen treffen, die die Wellen aufgrund ihrer spezifischen Länge weiter verstärken. Die ständige Reflexion im richtigen Rhythmus erzeugt die sogenannte Hafenresonanz: Die Wellen türmen sich dann mehrere Meter hoch auf. 1979 erreichte ein Meteotsunami in der Bucht von Nagasaki eine Höhe von annähernd fünf Metern, drei Menschen starben. Dass es im Gegensatz dazu bei einem Tsunami 2006 auf Menorca keine Verletzten gab, könnte auch damit zusammenhängen, dass sich der Tsunami in diesem Fall unmittelbar zuvor angekündigt hatte: Bevor die meterhohe Flutwelle im Hafen von Ciutadella zahlreiche Boote versenkte, hatte sich das Wasser zunächst weit zurückgezogen und Boote trockengelegt. Nordsee-Tsunami: Forscher hofft auf Warnsystem Auf den Balearen und an der ebenfalls regelmäßig von Meteotsunamis heimgesuchten Adria gibt es mittlerweile Warnsysteme. Ein Tsunami an der deutschen Nordseeküste würde die Menschen hingegen aus heiterem Himmel treffen – und zwar im Wortsinn, wie Tsunami-Forscher Behrens betont. Von der Gewitterfront, die ihn auf offenem Meer ausgelöst hätte, wäre an der Küste keine Spur mehr zu sehen. "Ich glaube, wir sollten eine Warnmöglichkeit haben", sagt Behrens. Sein Ziel ist es daher, das Phänomen der Meteotsunamis in der Nordsee besser zu verstehen und ein funktionierendes Modell zur Prognose zu erarbeiten. Gute Beobachtungsdaten gebe es bereits, zum Beispiel von Wettersatelliten. Kombiniert mit Meeresspiegelmessungen und weiteren Daten wie Luftdruck oder Windgeschwindigkeiten müsse es relativ leicht möglich sein, "Seebären" vorhersagbar zu machen. Dafür hofft Behrens auf Forschungsgelder. Er glaubt, die Investition würde sich lohnen. Denn das Risiko für einen verheerenden Meteotsunami in der Nord- oder Ostsee erscheine zwar relativ gering: "Aber wenn es passiert, stehen Menschenleben auf dem Spiel."