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Berlin: Ruinen, Gestank, Lügen – "Das Bundesdrecksloch"

Berlins Mythos wird immer noch besungen, sein herber Charme glorifiziert und verklärt. Seit einem halben Leben macht unser Kolumnist das nun schon mit. Und hat die Nase jetzt voll. Gestrichen voll. Ich lebe, von einer kleinen Unterbrechung abgesehen, seit über 25 Jahren in Berlin . Immer öfter beschleicht mich dabei das Gefühl, dass ich hier nicht einfach nur bin, sondern einem riesengroßen Sozialexperiment beiwohne. Bei diesem Experiment betrachtet man die vorliegende ausgedehnte Ansammlung von Menschen, ihren Behausungen und Arbeitsstätten als großen Komposthaufen aus Beton, Stahl und Teer nebst beigemengtem organischem Material. Diesen Komposthaufen überlässt man dann weitestgehend sich selbst und betrachtet fasziniert-distanziert den Verfall und den physischen wie gesellschaftlichen Zersetzungsprozess. Ob nun aus wissenschaftlichem Vorsatz oder blankem Unvermögen: Tatsache ist, empirisch belegt in einem Vierteljahrhundert teilnehmender Beobachtung: Diese Stadt verfault , verrottet und verwest bei lebendigem Leib. So wie jene Obdachlose, die im Winter regelmäßig die S-Bahn betreten, um sich aufzuwärmen. Innerhalb weniger Sekunden baut sich eine Wand aus atemberaubendem Gestank von Verwesung und Fäkalien auf, bei dem nur die Flucht in einen anderen Waggon am nächsten Bahnsteig bleibt. Diese allgegenwärtige Fäulnis ergreift irgendwann die Köpfe. Und lässt die Leute liederlich werden. Wir leben in Lichterfelde, einem Villenidyll aus der Gründerzeit. Aber selbst dort breitet sich der Verfall aus. Haufen von Müll, alten Wäscheständern, sogar große Säcke von Bauschutt säumen seit einiger Zeit unseren Weg, eine der kleinsten und kürzesten Straßen Berlins. Seit zwei Jahren steht ein schwarzer Transporter mit estnischem Kennzeichen am Straßenrand. Die Reifen werden schon platt. Erst dieser Tage hat die Polizei diesen gelben Aufkleber auf die Windschutzscheibe geklebt, wonach der weg muss. Weiter ist nichts passiert. Und wird auch nicht. Auf dem Weg zur Arbeit nehme ich morgens die S1 bis Potsdamer Platz . Die S1 ist Akis Revier, sein rollender Kiez. "Hallo, ich bin‘s wieder, der Aki!" ruft er jeden Morgen in aufgesetzter Fröhlichkeit in den Waggon, eine zerfledderte Obdachlosenzeitung in der Hand. Dass das hier Akis Stamm-S-Bahn ist, ändert nichts daran, dass inzwischen weitere zwei bis drei Akis bis zum "Potse" die Regel sind. Nebst dem griesgrämig-kodderschnäuzigen Briten oder Iren, der seine Gitarre an der Seite baumeln lässt wie andere eine Umhängetasche, nur ab und zu ein paar Akkorde reinhaut, in denen Rudimente von Led Zeppelin oder Amy Winehouse auszumachen sind. Ansonsten ist er frühmorgens vor allem damit beschäftigt, fast schon berlinerisch und dezidiert deutschenfeindlich Fahrgäste zu beschimpfen. Eine U-Bahn wie eine Droschke Am Potsdamer Platz steige ich um in die U2. Es gibt keinen direkten unterirdischen Zugang vom S-Bahnhof zur U-Bahn. Jeden Morgen müssen Abertausende Pendler eine Straße überqueren ohne jede Ampel, Zebrastreifen oder irgendwas, um in den U-Bahn-Schacht zu kommen, sich einen Weg zwischen den Autos bahnen, vorbei an einem wilden, zerknüllten Lager mit drei bis sechs Obdachlosen, zumeist osteuropäischer Herkunft. Die U2 ruckelt sich dann wie mit letzter Kraft bis zum Rosa-Luxemburg-Platz. Die Fahrt fühlt sich an, als zöge ein Gespann aus Brauereigäulen das Fuhrwerk mit seinen Fahrgästen über ein Katzenkopfpflaster. Vor ein paar Tagen habe ich mal das Auto genommen, weil ich zu meinem Geburtstag einen Blechkuchen und eine Quiche mit in die Redaktion genommen habe. Das mache ich nie wieder. Also: das mit dem Auto. Irgendwo auf der Höhe Leipziger Straße habe ich im dritten reglosen Stau vor Wut ins Lenkrad gebissen. Der gesamte Fahrweg gesäumt von rot-weißen Absperrungen in Hinweisschildern auf Fahrbahnverengungen, von drei Spuren auf eine. Halden von Rohren, die seit Monaten unberührt darauf warten, verlegt zu werden. Die Stadt verfault buchstäblich von unten. Der Hindenburgdamm, unsere Hauptschlagader von Lichterfelde, ist in den 20 Jahren schon bestimmt fünfmal aufgerissen worden. Gerade wieder. Und das schon seit Monaten. Und bestimmt noch für Monate. Eine reformresistente Ruine Es gibt keine andere Stadt in der zivilisierten Welt, behaupte ich, in der jahrzehntelang so viele Ruinen zum Teil gigantischen Ausmaßes stehen wie in Berlin. Man kann das jeden Abend in der Abendschau des RBB sehen, übrigens auch eine reformresistente Ruine unerschütterlich piefigen Journalismus’ (bis auf Volker Wieprecht, auf den lass’ ich nix kommen, der hat Stil und Klasse). Das Internationale Congress Centrum Berlin, kurz ICC, so groß wie das halbe Dorf, aus dem ich stamme, sieht aus wie ein gelandetes Raumschiff, ach was: eine ganze Raumstation und gammelt seit Jahrzehnten für Abermillionen leer stehend vor sich hin. Als verrottendes Mahnmal früheren Glanzes und Größenwahns. Hier in meiner unmittelbaren Umgebung: Der Bierpinsel in Steglitz, ein brutalistischer Betonklotz auf einem Betonfuß: leer, sinnlos, trostlos. Seit man denken kann. Das Hochhaus am Steglitzer Kreisel, früher Sitz des Bürgeramtes: eine jahrelange Bauruine eines Investors, der sich überhoben hat. Oben ragt der Kran heraus wie ein Galgen, an dem das entkernte Skelett des Gebäudes hängt. Drumherum müssen seit Jahr und Tag Fahrstreifen gesperrt bleiben, aus Bauschutzgründen. Und weil die Füße dieses gigantischen Krans hier im Boden verankert sind. Das "Spucki", ein vormals lebendiges, von fröhlichen Kinderstimmen widerhallendes Freibad mit einer tollen Sauna im Winter: tot, öde, Ende. Das Flughafengebäude Tempelhof. Steht in seiner baulichen Anmut einfach so rum. Leer, hohl, nutzlos. Vor Ewigkeiten war mal die Fashion Week, eine Modemesse, drin. Oder auch mal der Bundespresseball. Ansonsten meistens totes Gemäuer. Bald ist Wahl in Berlin, im Herbst. Das geht ein bisschen unter, weil alle mehr auf Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern schauen. Denn dort könnte die AfD nach der Macht greifen. Aber auch, weil es egal ist, wer in Berlin die Wahl gewinnt. Das Kontinuum bleibt: Es wird immer erbärmlich regiert, egal, wer dran ist. Nur eben mal schlecht in die eine politische Richtung oder die andere. Seit Jahrzehnten reihen sich bestenfalls mediokre Gestalten in die Ahnengalerie des Regierenden Bürgermeisters ein. Diepgen, Momper, Harald Juhnke, der sich als Bürgermeister Klaus Wowereit nannte. Die letzten großen Regenten dieser Stadt sind lange her: Weizsäcker, Brandt, Reuter, der alte Fritz. Das Beuteschema der Berliner Kai Wegner , der amtierende Regierende Bürgermeister von der CDU, passt insofern haargenau ins Beuteschema der Berliner, wenn sie einen der ihren zum Stadtchef machen. Wegner hatte einen wirklich lichten Moment, das war unmittelbar nach der Wahl, als ihm mehr oder weniger öffentlich sichtbar das Herz in die Hose rutschte, sowie er wahrnahm, dass er es wirklich geworden war. Zuletzt im klirrend kalten Januar, als ein paar gemeingefährliche Spinner, wie sie nur diese Stadt hervorbringt, mit einem Sprengstoffanschlag auf eine Stromtrasse 50.000 Haushalte hier bei uns im Südwesten buchstäblich abknipsten und kaltstellten, da war Wegner Tennisspielen. Es war ein Samstag. Das Tennisspiel wäre nicht das wirkliche Problem gewesen. Man muss da jetzt sehr vorsichtig sein, weil Wegner einen Pitbull als Medienanwalt engagiert hat, der gerade auch für den Schauspieler Christian Ulmen um sich beißt, aber es sieht sehr danach aus, dass er gelogen hat. Geradeheraus gelogen hat, als er behauptete, jenseits des Tennismatches mit seiner Partnerin und Senatorinnenkollegin den ganzen Tag von zu Hause aus telefoniert zu haben in dieser Angelegenheit, bis tief hinein ins Kanzleramt. Recherchen des "Tagesspiegel", der an die Verzeichnisse der einschlägigen Telefonate gekommen ist, besagen etwas anderes. Mehr oder minder nichts hat Wegner gemacht. Jedenfalls nicht viel telefoniert. Und am Ort des Anschlags hat er sich auch nicht blicken lassen. Die Pressekonferenz nach der Enthüllung ist eine Offenbarung. Sie finden Sie hier zum Nachsehen . Der Mann muss zurücktreten. Da gibt es überhaupt kein Vertun. Und wenn er das nicht macht, dann müsste ihn seine eigene Partei und seine Koalition vom Hofe jagen. Was spricht denn dagegen, ausnahmsweise mal jemanden Fähigen an die Spitze dieser Stadt zu stellen, die immerhin Hauptstadt ist? Die Verfassung jedenfalls nicht. Der Regierende Bürgermeister kann frei ausgesucht werden. Muss nicht im Abgeordnetenhaus sitzen. Warum schickt die Union nicht jemanden von relativem Format? Norbert Röttgen , Carsten Linnemann, Julia Klöckner . Oder wenn schon kein Import, dann wenigstens Monika Grütters, die Wegner seinerzeit weggefiest hat. Beides grauenhafte Aussichten Aber es wird nicht passieren, fürchte ich. Die Stadt wird entweder weiterregiert werden von diesem Mann. Oder von Rot-Grün-Rot übernommen. Mit der SPD als Stützrädchen der regierenden Linken. Beides eine ebenbürtig grauenvolle Aussicht. "Ich fühl' mich gut, ich steh' auf Berlin!" Ich mag diesen Song von Ideal, dessen treibenden Beat, dessen hackende Gitarre, die aggressiv kieksende Stimme von Annette Humpe. Aber, liebe Annette, ich muss sagen: ich nicht mehr. Weder fühle ich mich hier mehr gut, noch stehe ich drauf. Diese Bundeshauptstadt ist in den vergangenen Jahren ein Drecksloch geworden. Sie ist das Bundesdrecksloch. Vielleicht müsste man über ein zeitlich befristetes politisches Protektorat nachdenken. Wie im Kosovo . Der Bund, ohnehin vor Ort, könnte diese Stadt noch mitverwalten. Mit einem zuständigen Minister statt einem Regierenden. Der eh nur so heißt, aber gar nicht regieren kann, weil er ohnmächtig wie eine Cocktailkirsche obendrauf sitzt. Während die wahren Machthaber, die Bezirksbürgermeister, machen, was sie wollen.